
Der neue Standort der Moorbibliothek wurde zwar neulich offiziell eröffnet, doch wir sind noch immer damit beschäftigt, die Bücher von den verschiedenen alten Standorten dorthin zu verlegen. Kurz vor Weihnachten 2025 entdeckten wir in einem obskuren Raum in der Soldmannstraße 23 eine größere Anzahl bisher übersehener Kartons. Ich nahm an, dass es sich dabei um Bücher von Prof. Antoine Cleef handele, die Henri Hooghiemstra am 6. August 2020 bei Andre Jansen und Ella de Hullu in Zutphen (Niederlande) vorbeigebracht und die wir dort abgeholt hatten.
Als ich einen der Kartons öffnete, waren darin aber keine Bücher, sondern fünf große Alben. Antoine‘s Familienfotos, dachte ich sofort. Aber nein: Das erste Album zeigte die Ankündigung und Bildern der Hochzeit von Evelyn und Friedrich Bechinka-Pettinger. Wir müssen am selben Tag versehentlich diesen Karton zusammen mit 22 andern aus der Scheune von Evelyn in Zutphen mitgenommen haben. Es war ihr letzter großer Bücherverkauf…

Scientia
Mit Evelyn hatte ich schon seit Anfang 1990er Jahren, d.h. als ich noch in den Niederlanden wohnte, Kontakt. Im Laufe der Jahrzehnten haben wir mehrere Tausend Bücher über ihr Geschäft Scientia in Zutphen erworben. Aus gutem Grund: Scientia hob sich als Antiquariat in mehrfacher Hinsicht hervor:
- Es hatte eine unübertroffene Sammlung von Büchern aus der Sowjetunion und anderen Ostländern.
- Die Bücher wurden zu sehr fairen Preisen angeboten (oft für weniger als die Hälfte oder sogar ein Fünftel der Preise der großen Konkurrenten).
- Die Betreuung war persönlich und liebevoll. So schickte Evelyn die Bestellungen von Bocholt in Deutschland aus (immerhin über 50 km von Zutphen entfernt), um den Kund*innen Portokosten zu ersparen.
Evelyn und Frits Bechinka-Pettinger hatten Scientia in 1967 als “Hobbygeschäft” gegründet, kurz nachdem sie 1964 geheiratet hatten. Evelyn (* 1939) stammte ursprünglich aus Möser bei Magdeburg (Ostdeutschland), wo ihre Familie früher die Feldschlösschen-Brauerei inne hatte. Frits (Friedrich Franz) wurde in 1941 in Svitavy (Zwittau, „Sudetenland“) im heutigen Tschechien geboren und kam 1945 mit seiner Mutter als Heimatvertriebener in die Niederlande. Er wurde 1965 zu Niederländer eingebürgert, da seine „derzeitige Staatsangehörigkeit nicht festgestellt werden konnte“.
Der Osten war nicht nur ihre Herkunft, sondern auch die Quelle ihres üppigen, spezialisierten Bücherangebots. Frits reiste regelmäßig mit Zug und Rucksack in den Osten, vor allem nach der Wende, als viele wissenschaftliche Institutionen zusammenstürzten und die Bibliotheken als Altpapier verschachert wurden. Große Pakete mit Büchern kamen auch per Post nach Zutphen.
Und alles wurde wiederverwendet. Ich erinnere mich noch daran, wie die bei mir eingehenden Scientia-Bücherpakete immer eine doppelte Überraschung beinhalteten. Zunächst natürlich die Bücher. Diese waren in festem braunen Packpapier verpackt und mit einem Flachs-Schnur zusammengebunden, wie sie die heutigen Sortierautomaten nicht mehr verarbeiten können. Auf der Außenseite des Packpapiers stand dann meine Adresse, auf der Innenseite – oft in unsicherer Handschrift – die von Scientia, Zutphen, Niederlande. Die Innenadresse war immer umgeben von ausländischen Briefmarken, oft plakatweise Russischen Kopeken-Standardmarken, aber auch thematischen Sondermarken in großer Vielfalt. Als ob die Absender nicht nur ihre Büchersammlung, sondern auch ihre wertvolle Briefmarkensammlung zu Geld hätten machen müssen. Das Papier ging bei uns in den Kreislauf, die Schnüre (sowie die üppigen Gummibänder) wurden zur Wiederverwendung aufgehoben. Und die Briefmarken? Die fanden ihren Weg zum Irish Peatland Conservation Council, das noch immer Briefmarken sammelt um Moore in Irland zu retten
(https://www.ipcc.ie/help-ipcc/save-stamps/).
Von Zutphen in die Moorbibliothek
Eigentlich hatten Evelyn und Frits im Jahr 2000 mit ihrem Laden aufhören wollen.
„Aber wir konnten uns einfach nicht davon trennen,“ schrieb Evelyn, „und wir beschlossen, noch eine Weile weiterzumachen. Keine neuen Vorräte, aber alles noch einmal anbieten.”
Und als Frits in 2005 gestorben war, machte Evelyn allein weiter
„Dienstag, 06. Dezember 2005: Diese Woche wird deine Bestellung verschickt. Die Arbeit tagsüber hilft mir sehr. Und Frits wird stolz darauf sein.“
Dank Rabattangebote konnte sie einiges verkaufen. Sie versuchte, neben alten Kunden auch neue zu finden: „Kennen Sie vielleicht (vor allem in der ehemaligen DDR, wo Russisch „gelernt werden musste”) Institute, Bibliotheken oder Privatpersonen, denen ich Paläontologie, Geologie, Zoologie und Botanik mit Rabatt anbieten könnte?“ In 2010 schrieb sie, dass nicht viel mehr lief.
„Aber die Bücher stehen mir nicht im Weg – ich kann sie nicht wegwerfen, auch gegenüber Frits kann ich das nicht. Dennoch wird der Tag kommen.“
Diese Ankündigung war Anlass ihr gesamtes Angebot nochmal durchzugehen. Und ich habe mich wieder darüber gewundert, was für eine schöne Kollektion Fritz und Evelyn zusammengebracht hatten: „Meine Liste ist letztendlich ziemlich lang geworden, weil mein Interesse immer größer wird, aber auch, weil eure Preise sehr günstig sind (vor allem mit dem 50 %-Rabatt!).“ Und wieder gingen 200 Bücher von Zutphen nach Greifswald. Und in 2013 folgten nochmal 400. Diese letzte Sendung feierte Evelyn dann abends mit dem Bild von Fritz geschmückt mit einer kleinen Flagge und dem Abspielen der Tschechischen Nationalhymne …
April 2019 meldete sie, dass
„das Alter und mein Herz nicht mehr so mit machen, wie ich es gerne hätte. Aber ich versuche, gesund zu leben und viel draußen zu sein. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich mir in Zukunft eine kleinere, praktische Wohnung oder ein Apartment im Stadtzentrum suchen muss. Solange ich es hier noch schaffe, werde ich das nicht tun. Bei einem Umzug kann ich natürlich nicht mein Geschäft mit dem gesamten Lagerbestand mitnehmen. Leider müssen die Bücher bei Nichtverkauf in den Altpapiercontainer. Bald werde ich dies mit meinem ältesten Sohn besprechen und alten Kunden E-Mails schicken, auch mit der Mitteilung über den neuen Rabatt bei Bestellungen. Aber ich wollte dir dies schon früher mitteilen.“

Ich versprach ihre neuesten Listen durchzunehmen und auch Kollegen sowie befreundete Antiquariaten darauf hin zu weisen um so möglichst viele Bücher zu retten. Bis April 2020 konnten wir so schon 627 Bücher für Greifswald identifizieren und (für lediglich 1.205,00 €…) bestellen.
Mai 2020 meldete Evelyn sich wieder:
“In letzter Zeit bin ich immer öfter ohnmächtig geworden und am 22. März kam ich ins Krankenhaus. Corona-Test (wurde für gesund befunden), Infusion (Herzfrequenz) und zwei Tage später hatte ich einen Herzschrittmacher. Am nächsten Tag: nach Hause. Das war alles ein bisschen zu viel. Innerhalb eines halben Jahres jetzt dreimal im Krankenhaus. Aber es wird schon alles gut, wahrscheinlich im Juni, du hörst dann von mir. Aber die Grenzen sind immer noch geschlossen.“ „Ja, schade“, seufzte sie weiter, „dass es niemanden gibt, der die komplette Sammlung übernehmen kann. Aber mit euren Bestellungen habt ihr mir sehr geholfen. Andere haben auch noch bestellt, schön, doch? 2020 war das Jahr, das ich mir vorgestellt hatte. Jetzt ist es auch besser für mich.“
Am 10 Juli 2020, als die Zahl der Covid-Erkrankungen ein (zeitliches) Minimum erreichte, schrieb sie:
„Ist bei euch, den Kindern und den Kollegen alles in Ordnung? Ich hoffe es. Bei uns ist glücklicherweise nichts passiert und wir hoffen, dass es so bleibt. Ich komme noch einmal auf die Bücher für dich zurück. Wäre es möglich, dass du sie in nicht allzu langer Zeit abholst? Würdest du einen Kleinbus organisieren können? Denn in den Sommerferien können (müssen!!) mir meine Kinder helfen, die restlichen Bücher nach unten zu bringen. Ich habe mit jemandem aus der Kirche vereinbart, dass er sie dann (sorry) zum Altpapier bringt. Es geht einfach nicht anders.”
Am 6. August fuhren dann John und ich von Greifswald nach Zutphen, wo wir gegen 16 Uhr bei Evelyn eintrafen, Tee mit Keksen tranken und gemütlich plauderten. Evelyn zeigte uns ihren Dachboden voller Bücher, einige nahmen wir noch extra mit, und dann stauten wir die Kartons (offenbar eins zu viel…) in den Kleinbus.

Am Wochenende von 22. und 23. August hielfen die Evelyn’s Kinder die Restbeständen zu entsorgen:
„Dieses Wochenende, mit dem Wegwerfen der Bücher, ist doch ein schwieriger Schritt für mich, und ich bin ziemlich holder-de-bolder.“ Einige Wochen später sandte sie noch, zusammen mit einer Nachbestellung, die Lehrbücher von Fritz.
„Hallo Evelyn, das Paket ist gestern angekommen. Vielen Dank für die russischen Bücher, die ich nutzen werde, um mein Russisch aufzufrischen, was ich ohnehin nach meiner Pensionierung vorhatte ;-). Als ich die anderen Bücher sah, tat es mir wieder weh zu erkennen, wie viele schöne Bücher im Altpapier gelandet sind. Aber wir haben alles versucht, es gab keine andere Lösung.“
Ende 2025: Beim Googlen ihrer neuen Adresse kurz vor Weihnachten erfuhr ich, dass Evelyn am 24. Januar 2023 gestorben war. Es hat mich traurig gemacht…
Ihre Foto-Alben sind inzwischen bei ihren Kindern eingetroffen.
Ihre Bücher bleiben in der Moorbibliothek: Für immer…